Amish farming - "Landwirtschaft ist gute Arbeit"

Von David Kline*

 

 

 

Vor einiger Zeit bat mich der Redakteur einer „Zurück zur Natur“-Zeitschrift, einen Artikel über die traditionelle kleinbäuerliche Landwirtschaft zu schreiben – über die Vorteile ebenso wie die Nachteile, die ein solches Leben mit sich bringt. Das ist mir den ganzen Sommer nicht aus dem Kopf gegangen, denn, ehrlich gesagt, mir ist kein einziger Nachteil eingefallen.

 

 

 

Was lernt man, wenn man überhaupt etwas lernt, aus unserer Art der Landwirtschaft? Ist es eine Landwirtschaft, die den Boden, das Wasser, die Luft, die Flora und Fauna schont, die Familien und die Gemeinschaft schützt? Oder anders gesagt: Sind wir die Bewahrer der Schöpfung? Leben wir in Einklang mit Gott und der Natur?

 

Die Landwirtschaft der Amish ist eine traditionelle Landwirtschaft, die aus dem Europa des 18. Jahrhunderts stammt, von Generation zu Generation weitergegeben, aber dabei kontinuierlich erneuert und verbessert wird. Wir Amish sind nicht gegen moderne Technologie per se, wir haben nur beschlossen, uns nicht von ihr kontrollieren zu lassen.

 

 

 

Die Landwirtschaft der Amish erschließt sich vielleicht am besten durch die Augen eines „Fremden“, der nicht zur Gemeinschaft der Amish gehört, denn viele unserer Arbeitsweisen sind uns in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir praktisch vergessen haben, warum  wir eigentlich so arbeiten. Ein Beispiel: Der Fruchtwechsel, den wir hier im östlichen Ohio betreiben, funktioniert so gut, dass wir ihn nicht mehr in Frage stellen. In unserem Vier- oder Fünfjahreswechsel wird ein Feld jedes vierte oder fünfte Jahr mit Mais bebaut. Hier sollte ich erwähnen, dass die Amish-Landwirtschaft, von der ich hier rede, in unseren Gemeinden in Ohio, Nord-Indiana, Süd-Michigan und eventuell Süd-Ontario praktiziert wird. Andere Amish-Gemeinden in anderen Staaten arbeiten – bei vielen Gemeinsamkeiten – im Detail eventuell etwas anders.

 

 

 

In unserem Fruchtwechsel folgt Hafer auf den Mais. Im Herbst nach der Haferernte wird das Stoppelfeld umgepflügt und Weizen eingesät. Auf den Weizen werden dann im März oder April Leguminosen ausgebracht. Die Aussaat erfolgt mit einem manuellen oder einem Horn-Säer. Auf dem meist gefrorenem Boden nisten bereits die Ohrenlerchen, doch das Säen schreckt die brütenden Vögel auf, und so wissen wir, wo sich die Nester befinden und können einfach drumherum gehen. 

 

Nachdem der Weizen im Juli geerntet und gedroschen wurde, werden die Stoppeln gemäht und es entsteht wundersamerweise eine Wiese. Im nächsten Frühjahr und Sommer wird das Gras mehrere Male gemäht und zu Heu getrocknet, und im Herbst wird die Wiese als Weide genutzt. In einem Fünfjahres-Fruchtwechsel ist ein Feld zwei Jahre hintereinander Heuwiese. Im Winter wird der Boden großzügig mit strohreichem Mist bedeckt. Im Spätwinter oder zu Beginn des Frühjahrs wird gepflügt und im Mai wird wieder Mais gesät. Der Zyklus beginnt von Neuem.

 

 

 

Welche Chemikalien muss man dazukaufen und ausbringen, um auf einem solchen Feld eine anständige Maisernte zu erzielen? Keine, außer den Fungiziden, mit denen die Maissaat normalerweise behandelt wird, bevor wir sie kaufen.  Die Leguminosen sind bereits eine gute Stickstoffquelle, da sie Stickstoff in der Luft umwandeln und für den Boden nutzbar machen. Dazu kommen ca. 37,5 t pro Hektar, die zusätzlich zu der anderen Pflanzennahrung 15 kg Stickstoff pro Tonne liefern. Kurz: Wir brauchen keinen Kunstdünger. Allerdings bringen die meisten Amish-Bauern 50 bis 75 kg Düngemittel mit geringem Stickstoffgehalt, etwa 5-20-20, pro Hektar als Starter-Pflanzennahrung aus. Ich kenne aber auch viele Bauern, die kein Düngemittel für ihren Mais zukaufen, aber dennoch eine hervorragende Ernte einfahren.

 

 

 

Auch Insektizide werden nicht benötigt, denn wenn auf den Mais Heu folgt, gibt es keine Schadinsekten. Wir haben noch nie Bodeninsektizide eingesetzt. Manchmal, wenn es sehr nass ist, können Schnecken zum Problem in der Maissaat werden. Aber die erste Bodenbearbeitung zerstört ihre Höhlen, und bis sich die langsamen Tiere für ihren zweiten Angriff gesammelt haben, ist der Mais so weit gewachsen, dass die Schnecken ihm nichts mehr anhaben können.

 

 

 

Die Bodenbearbeitung macht nicht nur mit den Schnecken kurzen Prozess, sondern auch mit dem Unkraut. Die meisten Amish-Bauern sind keine „reinen“ Bio-Bauern, das heißt, sie verwenden durchaus Herbizide gegen Unkraut im Mais. Aber im Vergleich zu den konventionellen Mais-Bauern setzen die Amish-Bauern sehr wenige Herbizide ein. Einer meiner Nachbarn hat zuletzt Pflanzenschutzmittel im Wert von 11 Dollar ausgebracht – nicht pro Acre sondern in seinem ganzen Mais. Er besprüht immer nur die Reihen, das Unkraut zwischen den Reihen erwischt er mit dem Grubber.

 

 

 

Die meisten von uns machen sich über ein bisschen Unkraut oder Gras im Mais keine Sorgen. Ich persönlich finde es sogar gut, denn manchmal kommen in den Sommergewittern mehrere Zentimeter Regen in weniger als einer halben Stunden herunter – das ist mehr, als der aufnahmefähigste Boden vertragen kann, und dann bin ich froh, wenn die Quecke die Krume festhält.

 

Forscher am Oberlin College haben herausgefunden, dass die Qualität unserer Krume eine Folge der Bodengare ist. Unser ganz klassisch mit Pferden bearbeiteter Boden nimmt mehr als sieben Mal so viel Wasser auf wie der ungepflügte Boden in der konventionellen Landwirtschaft.

 

Ungepflügter Boden, der jedoch enorme Mengen von Chemikalien benötigt, wird von Experten gern als Garant immergrüner Felder angepriesen. Was die Experten aber nicht sagen, ist, dass die immergrünen Felder auch immer stumm sein werden. Der Reisstärling, die Wiesenlerche, das Lied der Abendammer in der Dämmerung – das ist vorbei.

 

Ein junger Bauer erzählte mir neulich, wie sehr er sich letztes Frühjahr gefreut hatte, dass zwei Reisstärling- Pärchen in einem seiner Felder nisteten, in das er ungepflügt Mais säen wollte. Er zögerte zunächst, die Saat mit einem Pflanzenschutzmittel zu besprühen, erinnerte sich dann aber an den Film, den der Verkäufer des Chemiekonzerns gezeigt hatte: Dort wurde gesagt, dass ungepflügter Boden die Lebensbedingungen für die Tiere verbessert. Er sprühte – und kurz danach waren die Reisstärlinge verschwunden. Da er das fröhliche Lied der Vögel auch nicht auf den Nachbarfeldern hörte, ist er ziemlich sicher, dass die Tiere verendet sind.

 

Ein weiterer Nachteil der pfluglosen Bodenbearbeitung ist die Tatsache, dass sie die Möglichkeiten des Bauern stark eingeschränkt. Regnet es zu viel oder zu wenig, was beides meist die Wirksamkeit des Pflanzenschutzmittels beeinträchtigt, oder gibt es eine Würmer- oder Schneckenplage, kann der Bauer nicht den Boden bearbeiten, sondern muss noch mehr Pestizide einsetzen. Ich habe vor einiger Zeit gehört, dass im späten Frühjahr und im Frühsommer jeder Regentropfen im Maisgürtel des Ostens Partikel von „Lasso“, einem häufig verwendeten Mais-Herbizid enthält, das eventuell krebserregend ist. Du sollst deinen Nachbarn lieben – und machst ihn krank?

 

 

 

Aber die Verfechter des Agrobusiness nennen das Fortschritt. In erster Linie ist es wohl Profit...für die Unternehmen. Ein Vorstandsmitglied des One Soil Conservation Service (SCS) sagte: „Die Amish sind zu unwissenschaftlich, um korrektes Bodenmanagements in seiner ganzen Komplexität zu verstehen und sollten deshalb lernen, auf externe Berater zu hören.“ Bei einem anderen Treffen der Bauern und der Landwirtschaftsberater, bei dem es um die pfluglosen Bodenbearbeitung ging, meinte der Experte, der in einer Hochschule ausgebildet wurde, in der das Vokabular in erster Linie aus Input, Output, Hektarfresser, Arbeit ist eine Last, Cashflow und Gewinn besteht: „Nicht pflügen ist auf jeden Fall einfacher als pflügen.“

 

 

 

Jetzt muss ich ein Geständnis ablegen: Ich für meinen Teile pflüge gerne. Gerade erst letztes Jahr meinte der SCS-Techniker allen Ernstes, wenn ich zu den „Pfluglosen“ umschwenke, muss ich nicht mehr pflügen und mein Sohn oder ich könnten stattdessen in der Fabrik arbeiten und Geld verdienen. Zwischen den Zeilen sollte das wohl heißen, das zusätzliche Einkommen werde unsere Lebensqualität verbessern.

 

Der Gedanke ist mir völlig fremd. Sollen wir, anstatt das Land traditionell zu bearbeiten, was die Hilfe fast aller Familienmitglieder erfordert, unsere Söhne in die Fabrik schicken, damit sie Papas Landwirtschaftshobby unterstützen? Sollen wir eine gewaltlose Landwirtschaft aufgeben, die in Europa entwickelt und in Amerika durch das, was Wendelly Berry „Generationen von Erfahrung“ nennt, verfeinert wurde? Sollen wir eine Art der Landwirtschaft aufgeben, die die Gemeinschaften und das Land schützt, die ökologisch und spirituell gesund ist. Sollen wir das aufgeben für eine Landwirtschaft, die kulturell und ökologisch enorme Schäden anrichtet?

 

 

 

Wie gesagt, ich liebe das Pflügen. Pflügen ist mehr als die Erde umzudrehen. Ich kann es nicht richtig beschreiben – aber wenn ich pflüge, habe ich das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein. Zu Beginn des Frühjahrs, sind es mein Sohn und ich, jeder mit einem Gespann, das genau so „raus will“ wie wir, die die weiche Erde pflügen; wir fühlen ihre Kühle, ihre Struktur. Wir freuen uns über die Bergpieper und die Graubruststrandläufer, die eifrig in der frischen, reichen Erde picken. Und wenn wir den Pferden und uns eine Pause gönnen, erzählt mir mein Sohn von den Freuden und Dramen seiner Teenager-Zeit.

 

Vielleicht bin ich blind, aber ganz gleich, aus welchem Blickwinkel ich mir die Sache betrachte, Pflügen ist keine Plackerei. Und ich bin überzeugt: Wenn man den Boden sorgfältig bearbeitet, ist auch Erosion kein Problem.

 

 

 

Vor einigen Jahren, zu Beginn des Frühjahrs oder eigentlich eher im Spätwinter, nach einer Woche ungewöhnlich warmen Wetters, konnte Dennis Weaver, unser Nachbar, dem Drang nicht mehr widerstehen. Er musste hinaus und pflügen. Ich bemerkte es zufällig, als mir auf dem Weg zur Scheune auf einmal der Geruch der frisch gepflügten Erde in die Nase stieg. Ich blieb stehen, witterte wie ein Hund und genoss es einfach nur: das Versprechen des Frühlings.

 

Wenn ich nicht pflügen würde, könnte ich zusätzlich zu meinem Land noch die 20 ha meines Nachbarn bewirtschaften und er wäre endlich „frei“, um in der Fabrik zu arbeiten. Ich weiß, ich könnte das nicht so hervorragend machen wie er, und ich würde den üppigen Geruch seiner fruchtbaren Erde vermissen. Am schlimmsten aber: Ich würde ihn vermissen.

 

 

 

Wir können aus der kleinteiligen und diversifizierten Landwirtschaft doch so einiges lernen. Wenn man arbeitet und wirtschaftet wie die Amish, macht man das Land  attraktiver für die Tiere. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn wir von unserer Farm weggingen und das Land würde in ein „Naturschutzgebiet“ umgewandelt, würde sowohl die Artenvielfalt als auch die Menge der Tiere zurückgehen.

 

 

 

Werden die Felder bis an den Straßenrand eingesät und die Ackerrandstreifen gesäubert und gesprüht, was sogar einige Amish tun, insbesondere in Regionen mit hohen Bodenpreisen, hat dies auf jeden Fall Auswirkungen auf Fauna und Flora. Neben der Fruchtvielfalt und dem nur minimalen Einsatz von Pestiziden sollte es einige wuchernde Zaunstreifen geben, in denen zahlreiche Tiere leben können, von der Katzendrossel bis zum Baumwollschwanzkaninchen. Auch Waldränder mit Büschen und Unterholz, Wasserabflüsse, Bäume um die Gebäude, Obstgärten, wilde und gezüchtete Blumen, vielleicht ein Stück Brache – all das bietet Tieren Unterschlupf und Lebensraum.

 

In The Desert Smells Like Rain  schreibt Gary Nabhan über zwei Oasen in der Sonora Wüste: Die erste, in Arizona, wurde in ein Vogelschutzgebiet umwandelte. In dem Versuch, die Oase für Wildtiere attraktiv zu machen, wurden die Indianer, die dort lebten und Landwirtschaft betrieben, umgesiedelt. Das Ergebnis? Die Oase starb. Die andere Oase, auf der mexikanischen Seite der Grenze gelegen und seit langen von Papago Indianern bewirtschaftet, blüht und gedeiht. Ein Ornithologe hat dort doppelt so viele Vögel gezählt wie im  Vogelschutzgebiet in Arizona.

 

Vergangene Woche hat unsere Familie eine Bestandsaufnahme der Nistvögel auf unserem Hof gemacht. Dazu gehören weder die Reisstärlinge, Rotdrosseln, Wiesenlerchen und Sperlinge in den Feldern noch die Vireos, Tangaren, Waldsänger und Drosseln in den Wäldern oder die Rauflügelschwalben und Racken am Bach. Im Umkreis von 60 m um die Gebäude zählten wir mehr als 1800 Küken von 13 Arten. Dazu gehört eine Kolonie aus 250 Paaren Klippenschwalben unter den Traufen der Scheune. Und wie Nabhans Indianerfreund sagte: „Die Vögel kommen dorthin, wo die Menschen sind. Wenn die Menschen irgendwo leben und arbeiten, Pflanzen säen, Bäume gießen, dann leben die Vögel bei ihnen. Sie mögen diese Orte, weil es dort genug Nahrung gibt, und dann freunden sie sich mit uns an.“

 

 

 

Wir bewirtschaften das Land so, wie wir es tun, weil wir die ganze Gemeinschaft nähren und ernähren möchten, dazu gehören nicht nur die Menschen, sondern auch das Land und die wild lebenden Tiere. Da wir Amish unabhängig von Strom leben und arbeiten, tragen wir nicht direkt – so hoffe ich doch – zur Zerstörung von Hunderten von Höfen und Gemeinden im südöstlichen Ohio bei, wo die Ohio Power Company im Tagebau Kohle fördert, mit der sie ihre Kraftwerke am Ohio River füttert. Diese Anlagen zerstören nicht nur Bauern, sie stoßen auch Schwefeloxide aus, die zum sauren Regen beitragen, der die Wälder im Nordosten und die Seen in den Adirondacks tötet.

 

 

 

Die Amish haben traditionell nur so viel Land, wie sie mit ihrer Familie bearbeiten können. Wenige Höfe haben mehr als 30 ha bewirtschaftbare Felder, das ist in etwa das Maximum, das Vater und Sohn problemlos bewältigen können. Sind zusätzliche Helfer zur Stelle, wird der Hof erweitert, dann jedoch meist entweder durch mehr Vieh oder besondere Pflanzen, etwa Gemüse. Nur selten kommt zusätzliches Feld dazu.

 

Laut Wes Jackson „hängt die Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit der Arbeit auf dem Hof von der Größe ab – der Größe der Felder und der Größe der Ernte“. Ich denke, die Amish haben eine überschaubare Größe beibehalten, weil sie noch mit dem Pferd arbeiten. Das Pferd hat die unbegrenzte Expansion verhindert. Die Arbeit mit dem Pferd begrenzt nicht nur die Größe des Hofes, die Pferde passen auch ideal ins Familienleben. Wenn wir mit den Pferden arbeiten, machen wir mittags Pause, ich tränke und füttere die Pferde und dann isst die Familie gemeinsam zu Mittag. Und während sich die Pferde ausruhen, ist auch für uns Zeit für einen kleinen Mittagsschlaf. Und weil Gott keine Pferde mit Scheinwerfern geschaffen hat, arbeiten wir auch nicht nachts.

 

 

 

Wir haben etwa 28 ha bewirtschaftbares Land, das sind etwa vier Hektar mehr als die durchschnittliche Farm in unserer Gemeinde. Mehr schaffen wir nicht. Bei dieser Größe ist immer etwas zu tun, aber die Arbeit wächst uns auch nicht über den Kopf. Außer vielleicht letzten Juli, da waren wir kurz davor: Es hatte viel geregnet, das heißt, wir konnten den zweiten Grasschnitt fürs Heu nicht machen, und als es aufhörte zu regnen, mussten wir Getreide ernten, Weizen dreschen, Hafer mähen, alles auf einmal. Unter normalen Bedingungen aber ist die Arbeit von Frühjahr bis Herbst gut verteilt.

 

 

 

Die Feldarbeit beginnt im März mit dem Pflügen. Das ist eine ganz geruhsame Arbeit, bei der sich auch die Pferde langsam wieder „fit machen“ können. Und ich habe Zeit für das, was die Quäker „stille Zeit“ nennen: Zeit, Gott und seiner Schöpfung zuzuhören, Zeit, zuzuhören, wie sich der Frühling entfaltet. In Getting Along With Nature schreibt Wendell Berry: „Ein angenehmes menschliches Geräusch ist ein Geräusch, das es auch anderen Geräuschen ermöglicht, gehört zu werden.“ Pflügen macht ein solches Geräusch: das Knarzen des Geschirrs der Pferde, das Aufploppen der Luzernewurzeln, das Lied der Ohrenlerche und das Lispeln des Bergpiepers. Eine wunderbare Zeit.

 

Im April werden die Maisstoppeln umgepflügt und der Hafer wird gesät, das Tellerkraut und die Leberblümchen sind die blühenden Frühlingsboten.

 

Im Mai pflanzen wir den Mais, bringen die Kühe und Pferde auf die Weide, erfreuen uns an den Grasmücken und suchen die ersten Morcheln.

 

Zur Heuernte im Juni gibt es Erdbeeren, Kuchen und Marmelade. Die Zugvögel haben ihre Reise beendet und der Sommer kann kommen.

 

Der hektischste Monat auf dem Hof ist der Juli: Dreschen, der zweite Schnitt fürs Heu, Klaräpfel, frischer Honig, Blaubeeren und erste Heuschrecken.

 

Im August spürt man schon den Herbst nahen. Der „Gesang“ der Silofüllanlagen zieht über das Land. Mit der Hilfe von vier Nachbarn füllen wir unser 3 x 12 m-Silo.

 

Der September steht ganz im Zeichen der McIntosh -Äpfel und der Weizenaussaat.

 

Im Oktober wird der Mais geerntet, Apfelwein gemacht. Ich liebe die Farben und die Stille, wie nur dieser eine Monat sie bietet. Wenn er zu Ende geht, neigt sich auch langsam die Feldarbeit dem Ende zu.

 

 

 

Das Jahr ist ein immerwährendes Abenteuer. Was für viele Freizeit ist, gehört bei uns zum täglichen Leben. In diesem Jahr haben wir auf unserem Hof vier „Erste“ gefeiert: Unser erster Kentuckywaldsänger, unser erster Pfauenspinner und unser erster Kaiserspinner. Und nach dreißig Jahren Warten habe ich endlich den ersten Großen Schwalbenschwanz gesehen!

 

Die kleinbäuerliche Landwirtschaft ist eine Augenweide. Vom Frühjahr bis in den Herbst ändern sich die Farben der Felder immer aufs Neue. Ich blicke gerne auf unseren Hof, wie ein Künstler auf sein Gemälde blicken würde - Farben, Formen, kein Zentimeter blanke Leinwand. Die „blanken“ Flecken auf unserem Hof, wie die Trampelpfade der Kühe, werden im November mit Mist bedeckt, um Erosion zu verhindern. Ich verteile ihn mit dem Miststreuer, der gut als Mulcher funktioniert. Jetzt ist das Land bereit für den Regen und die Stürme des Winters.

 

 

 

 

 

Der größte Unterschied zwischen der Art und Weise, wie die Amish leben, und der industriellen Landwirtschaft ist die Gemeinschaft. Ein kleines Beispiel: Als wir im Frühsommer den Weizen geerntet hatten (wir mähen etwa die Hälfte eines ca. fünf Hektar großen Felds an einem Tag), ging die ganze Familie nach dem Abendmelken die Garben aufstellen. Es war ein klarer, kühler Juniabend. Perfekt. Tim, unser 18-jähriger Sohn und ich  übernahmen jeder eine Reihe, meine Frau Elsie und unser zehnjähriger Sohn Michael eine weitere. Zwei unserer Töchter, die sechzehnjährige Kristine und die zwölfjährige Ann übernahmen die vierte Reihe und Emily, die Kleinste, trug den Wasserkrug. Reihe für Reihe arbeiten wir uns voran, die Mädchen kicherten, Michael erzählte mir begeistert von einer Sache, an der er gerade in der Werkstatt arbeitete. Als wir den Hügelkamm erreicht hatten, hielten wir alle inne und beobachteten, wie die Sonne zunächst hinter einer purpurfarbenen Wolke verschwand, um dann am Horizont zu versinken. Vom Süden her wehte das Pfeifen eines Prärieläufers zu uns herüber. Tim sagte zu niemandem speziell: „Auf dem Feld arbeiten mit der Familie macht einfach Spaß!“ Er sprach uns alle aus dem Herzen. Dann hörten wir Stimmen vom nächsten Hügel und sahen, wie drei unserer Nachbarn vom anderen Ende des Feldes auf uns zu kamen, ebenfalls die Garben aufstellten. Eines unserer Mädchen rief aufgeregt: „Sieben Reihen gleichzeitig. Das ist ein Supertempo.“ Bald waren alle Garben aufgestellt und wir alle gingen zurück zum Haus, belohnten und mit Eis und klönten bis in die Nacht.

 

 

 

Die Sicherheit, die uns fürsorgliche Nachbarn geben, ist ein Grund, warum wir unsere Art der Landwirtschaft so lieben. Vor acht Jahren hatte ich einen Unfall, musste operiert werden und eine Woche im Krankenhaus bleiben. Meine Frau erzählte mir später, dass meine ersten Worte im Aufwachraum waren: „Bring mich raus hier. Wir müssen den Weizen reinholen.“ Natürlich konnte sie das nicht – aber ich musste mir auch keine Sorgen machen, denn wir haben ja unsere Nachbarn.

 

Mein Vater mähte den Weizen und die Nachbarn stellten die Garben auf. Als unser Gespann müde war, brachte mein Bruder sein Vierergespann und zur Abendessenszeit waren die ersten fünf Hektar fertig.

 

In diesem Jahr brauchte unser Nachbar, der uns so sehr geholfen hatte, selbst Hilfe. Seit ihn im Juli eine Lungenentzündung niedergestreckt hatte, konnte er nicht viel machen. Deshalb sind wir letzten Donnerstag mit sechs Gespannen und Mähern raus und haben seine viereinhalb Hektar Luzerne gemäht. Am Sonntagnachmittag waren wir vier Gespanne und Wagen, zwei Heulader, 15 Männer und ebenso vielen Jungs:  Innerhalb von zwei Stunden war das Heu in der Scheune. Fast genauso lange saßen wir hinterher im Schatten der Ahornbäume, tranken und aßen und hörten zu, was einer der Nachbarn von einem Trip in den Westen berichtete. Er und ein Freund hatten Zugpferdezüchter in Illinois, Iowa und im östlichen Nebraska besucht. Und was er zu erzählen hatte – von guten Pferden, freundlichen Menschen, von den schlimmsten Erdrutschen, die er je gesehen hatte, in den Hügeln von Iowa nach 20 cm Regenfall, und von den Bauern in Iowa, die unseren Präsidenten beschimpften. „Ach“, sagte der Nachbar, „alles was die wollen, ist mehr Geld von der Regierung.“

 

Ich musste an einen jungen Freund denken, der letzten September geheiratet hat, seinem Vater die Maschinen und das Vieh abgekauft und den Hof gepachtet hat. Er und seine Frau arbeiteten hart, um ihre Schulden abzuzahlen. Von Hand melken, Milch verkaufen, sich um die Sauen kümmern, den Mais zweimal, manchmal auch dreimal bearbeiten, ohne Herbizide. Das erste Jahr auf der eigenen Farm ist fast vorbei – und die meisten Schulden haben sie abbezahlt. Er hat mir das nicht selbst erzählt, dazu ist er viel zu bescheiden. Aber während wir am Dreschen waren, meinte er: „Weißt du was? Landwirtschaft ist gute Arbeit.“

 

 

 

* David Kline ist ein Amish Farmer aus Fredericksburg, Ohio. Er ist Bishop seiner Gemeinde, Schriftsteller und Mitherausgeber der Zeitschrift „Farming Magazine - People, Land and Community“.

Der Artikel entsammt seinem Buch „Great Possessions“
ISBN: 0-86547-471-0
North Point Press,
San Francisco, 1990.
236 Seiten, Taschenbuch